Die potentiometrische Titration ist eine elektroanalytische Technik, die den Endpunkt einer Titration bestimmt, indem die Potenzialdifferenz zwischen zwei in die Analytlösung eingetauchten Elektroden gemessen wird. Im Gegensatz zu visuellen Indikatormethoden wird die potentiometrische Detektion nicht durch die Farbe, Trübung oder Anwesenheit von Schwebstoffen in der Probe beeinflusst, was sie ideal für anspruchsvolle Matrizen macht. Das Potenzial wird unter nahezu stromlosen Bedingungen gemessen, sodass die Messung das chemische Gleichgewicht der Titrationsreaktion nicht stört.
Die grundlegende Beziehung, die das Elektrodenpotenzial bestimmt, ist die Nernst-Gleichung. Für eine Reduktionshalbreaktion Ox + ne⁻ ⇌ Red ergibt sich das Potenzial zu E = E° - (RT/nF)lnQ, wobei E° das Standardelektrodenpotenzial, R die Gaskonstante (8,314 J·mol⁻¹·K⁻¹), T die absolute Temperatur, n die Anzahl der übertragenen Elektronen, F die Faraday-Konstante (96485 C·mol⁻¹) und Q der Reaktionsquotient ist. Bei 25 °C vereinfacht sich die Gleichung zu E = E° - (0,05916/n)logQ. Diese logarithmische Beziehung erzeugt die charakteristische S-förmige Titrationskurve, die bei potentiometrischen Titrationen beobachtet wird.
Der Messaufbau besteht aus einer Indikatorelektrode, deren Potenzial auf die Analytkonzentration anspricht, und einer Referenzelektrode, die ein konstantes Potenzial aufrechterhält. Für Säure-Base-Titrationen dient die Glaselektrode (eine pH-empfindliche Membranelektrode) als Indikator. Für Redoxtitrationen werden inerte Metallelektroden wie Platin oder Gold verwendet. Übliche Referenzelektroden sind die Kalomelelektrode (Hg₂Cl₂/Hg) und die Silber-Silberchlorid-Elektrode (Ag/AgCl/KCl). Die beiden Elektroden werden über eine Salzbrücke verbunden oder aus Bequemlichkeit zu einer einzigen Kombinationselektrode zusammengefasst.
Potentiometrische Titrationskurven tragen das gemessene Potenzial (mV) gegen das Maßlösungsvolumen (mL) auf. Die Kurve ist S-förmig, wobei der Wendepunkt dem Äquivalenzpunkt entspricht. Der Endpunkt wird am genauesten mit der ersten Ableitung (ΔE/ΔV gegen V) identifiziert, wobei das Peakmaximum den Endpunkt anzeigt. Für eine höhere Präzision kreuzt die zweite Ableitung (Δ²E/ΔV²) am Endpunkt den Nullpunkt. Diese numerischen Methoden werden von moderner Titrationssoftware leicht implementiert und eliminieren subjektive Interpretation.
Das Gran-Diagramm ist eine alternative grafische Methode zur Endpunktbestimmung bei potentiometrischen Titrationen, die besonders nützlich für Titrationen schwacher Säuren mit starken Basen und zur Bestimmung von Gleichgewichtskonstanten ist. Ein Gran-Diagramm linearisiert die Daten vor und nach dem Äquivalenzpunkt, indem V × 10^(±pH) gegen das Maßlösungsvolumen V aufgetragen wird. Der Schnittpunkt der beiden linearen Segmente ergibt das Äquivalenzpunktvolumen mit hoher Präzision. Gran-Diagramme sind besonders wertvoll, wenn die Titrationskurve asymmetrisch ist oder der Endpunkt aufgrund von Probenverdünnung schlecht definiert ist.
Die potentiometrische Titration findet breite Anwendung in der analytischen Chemie. Bei Säure-Base-Titrationen ermöglicht sie die genaue Bestimmung schwacher Säuren und Basen, bei denen visuelle Indikatoren undeutliche Endpunkte liefern. Redoxtitrationen von Spezies wie Fe²⁺/Ce⁴⁺, I₂/S₂O₃²⁻ und MnO₄⁻/Fe²⁺ werden routinemäßig potentiometrisch überwacht. Fällungstitrationen, einschließlich der Halogenidbestimmung mit AgNO₃, profitieren von silberionenselektiven Elektroden. Die Methode wird auch in der pharmazeutischen Industrie zur Gehaltsbestimmung von Wirkstoffen, in der Umweltanalytik zur Messung von Azidität und Alkalinität sowie in der Qualitätskontrolle industrieller Prozesse eingesetzt.